Deutsches Netzwerk für Sachverständige in der Pflege

So gut, dass diese Arbeit geleistet wurde

Rezensentin:

Maria Penzlien, Pflegesachverständige

 Es ist gut zu wissen, dass sich Richterinnen und Richter mit pflegerischem Handeln, sozialarbeiterischem und psychologischem Handeln, Strategien der Gesundheitsförderung, der Prävention, der Kuration, der Rehabilitation, der Kompensation und der Palliation in der Pflege auskennen und deshalb doch lieber Ärzte im Pflegehaftungsrecht einsetzen, weil Ärzte eben Akademiker sind und die untergeordnete Pflege doch kennen.

 Wir wissen alle, dass dies nicht der Fall ist. Dies beweist auch die Arbeit von Frau Laag, die sich der komplexen Aufklärungsarbeit gestellt hat. Ihre Arbeit bietet Richterinnen und Richtern und auch Sachverständigen in der Pflege die Gelegenheit, sich über „Pflegewissenschaftliche Gutachten in zivilen Rechtstreitigkeiten“ zu informieren.

Es gelingt Frau Laag detailliert, die rechtlichen Rahmenbedingungen und vor allem auch die pflegerische Verantwortung aus rechtlicher, berufsbezogener und einfühlsam auch aus emotionaler Sicht zu beleuchten. So sieht es tatsächlich in der Praxis aus.

Es wird im kurzen und bündigen Stil auf unser Fachwissen und Expertenstandards (Evidenz-Based Nursing) verwiesen und damit klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Grundpflege eben nicht gleich Hauswirtschaft, sondern elementar geradezu lebenswichtig für die zu Betreuenden ist. Schön war zu lesen, wie Frau Laag das Wesen von Pflege erklärt. Schon allein deshalb ist das Buch empfehlenswert.

Die Geschichte der gutachterlichen Tätigkeit und deren rechtliche Grundlage ist eher der Studienarbeit geschuldet und versäumt, zu sagen, dass wir ein deutsches Netzwerk für Sachverständige in der Pflege (DENSIP) haben, die Sachverständige in der Pflege unterstützen und schulen.

Weil eben noch keine Gegenüberstellungen von ärztlichen und pflegerischen Gutachten möglich sind, finde ich die von Frau Laag gewählte Alternative, sich einen Überblick in eine ihr fremde Welt der richterlichen Hoheit zu verschaffen, mutig. Frau Laag erarbeitete Methoden zum Erkenntnisgewinn und konzentrierte sich in ihrer Masterarbeit auf Expertengespräche mit Richterinnen und Richtern und hatte gleichzeitig Zugang zu Gerichtsterminen.

Die Auswertung der Expertengesprächsnotizen wird dann in verschiedenen Analyseschritten bewältigt. Spannend ist auch hier wieder, mit welcher Grundhaltung, nämlich der der Ethnomethodologie, die Auswertung der Materialien stattfindet. Das Vorgehen ist von Frau Laag dann ausführlich in der Methodenreflexion kommentiert worden. Lesen Sie selbst, mit welcher akribischer Leistung die Ergebnisse analysiert wurden.

Frau Laag schreibt, sie habe sich bemüht, in ihrer Gesprächsführung mit den Richterinnen und Richtern trotz Gesprächsleitfaden offen zu bleiben, sie empfand das Miteinander mit ihnen freundlich und sachlich. Die Umsetzung im Werk spiegelt auch das Bemühen um Objektivität in der Sache wieder.

Es war für mich unverständlich, wie Richter die Pflege beurteilen und nach welchen Kriterien Sachverständige bestellt werden. Auch die Unwissenheit über Expertenstandards bedarf der Aufklärungsarbeit.

Lehrreich ist auch die Auseinandersetzung mit dem Denkstil der Richter, der durch verschiedene Merkmale getragen ist, wie z.B. die Zivilprozessordnung, in der sich die Richter bewegen müssen oder die vergangene Rechtsprechung. Ebenso kann man von den Erkenntnissen der Arbeit über die für die Gutachtenerstellung notwendige pflegewissenschaftliche Expertise profitieren. Allerdings vertrete ich nicht die gleiche Meinung wie Frau Laag, dass nur Pflegewissenschaftler zur Begutachtung befähigt sind. Ein Sachverständiger muss in der Lage sein, anhand des Falls die haftungsbegründende Kausalität für den Richter offenzulegen. Frau Laag empfiehlt auch den Aufbau eines Gutachtens und erklärt diesen im Detail.

Zum Schluss möchte ich einfach nur ein Dankeschön an Frau Laag richten, weil es ihr wirklich sehr gut gelungen ist, „Pflegewissenschaftliche Gutachten in zivilen Rechtsstreitigkeiten“ sorgfältig, umfassend und verantwortungsvoll zu erforschen.

Das Buch zeigt mir mein gesamtes Arbeitsspektrum. Ich arbeite bereits seit über zehn Jahren bundesweit als Sachverständige für Landgerichte in zivilrechtlichen Prozessen.

 Maria Penzlien

Diplom-Pflegewirtin

Pflegesachverständige

Am Ree 13

22459 Hamburg

e-mail: maria@penzlien.net