Deutsches Netzwerk für Sachverständige in der Pflege

Pflegerische Prophylaxen im Neuen Begutachtungsassessment

Die ausreichende Berücksichtigung der Prophylaxen entscheidet bei der Fest-stellung der Pflegebedürftigkeit möglicherweise über die Pflegestufe, häufig klagen die Betroffenen vor Gericht auf Anerkennung der erforderlichen Zeiten.
In diesem Zusammenhang stehen folgende gesetzlichen Bestimmungen:
§ 113a SGB XI schreibt Pflegeheimen wie ambulanten Diensten die Anwendung der etablierten Expertenstandards vor, wesentlicher Bestandteil dieser Stan-dards sind die Prophylaxen.
Ihre Umsetzung in der Pflege wird bei den Qualitätsprüfungen nach § 114 SGB regelmäßig überprüft, die Ergebnisse fließen in die Transparenzberichte ein und haben so eine große Bedeutung für die Wahrnehmung der Einrichtungen in der Öffentlichkeit.
In den Rahmenverträgen gemäß §75 SGB XI wird festgelegt, die Hilfen sollen diejenigen Maßnahmen enthalten, die Pflegebedürftigkeit mindern sowie einer Verschlimmerung der Pflegebedürftigkeit und der Entstehung von Sekundärer-krankungen vorbeugen. Diese Prophylaxen sind im Anschluss den Hilfeberei-chen zugeordnet:

  •  Hautpflege, Pneumonie- und Dekubitusprophylaxe
  •  Soor- und Parotitisprophylaxe
  •  Kontinenztraining, Obstipationsprophylaxe
  •  Maßnahmen bei der Mobilität, die Sekundärerkrankungen wie Kontrakturen vorbeugen und die Selbständigkeit unterstützen
  •  bei der sozialen Betreuung im Rahmen eines ganzheitlichen Pflegekonzeptes Vereinsamung, Apathie, Depression und Immobilität zu vermeiden.

Vor dem Hintergrund dieser eindeutigen Regelungen sollte man meinen, dass die pflegerischen Prophylaxen auch auf der Leistungsseite berücksichtigt wer-den. Die Begutachtungsrichtlinien, die die Feststellung der Pflegebedürftigkeit nach einheitlichen Kriterien gewährleisten sollen, sind bei der Erfassung der
notwendigen Prophylaxen keine Hilfe. Darüber ob und in welchem Umfang sie zum Hilfebedarf gehören, befindet der Gutachter nach eigenem Maßstab.
Die Unterbewertung dieser Prophylaxen führt also gegebenenfalls zu einer niedrigeren Pflegestufe. Im stationären Bereich, in dem die Personalausstattung pflegestufenabhängig geregelt ist, hat dies zur Folge, dass die Prophylaxen nicht mit der erforderlichen Kontinuität und Sorgfalt durchgeführt werden, für die Mitarbeiter in der ambulanten Pflege wird die Zeit noch knapper.
Der Begriff der Pflegebedürftigkeit war wegen seiner somatischen Fixierung und der zeitbezogenen Erfassung des Hilfebedarfs von vielen Seiten kritisiert wor-den, im Auftrage des Gesundheitsministeriums wurde er seit Ende 2006 von einem Beirat überprüft und neu formuliert.
Die Neufassung bezieht sich nicht nur auf Beeinträchtigungen und Mängel, zu-künftig soll die Pflegebedürftigkeit danach beurteilt werden, wie sehr die Selb-ständigkeit des Betroffenen bei den Verrichtungen des täglichen Lebens einge-schränkt ist. Körperliche, kognitive und psychische Elemente werden dabei im gleichen Maße berücksichtigt. Noch bis zum Sommerende will Gesundheitsmi-nister Bahr die Eckpunkte der Pflegereform präsentieren, die dann im Frühjahr 2012 in Kraft treten soll.
Das Instrument, dass das bisherige Feststellungsverfahren ablösen soll, trägt den schönen Namen „Neues Begutachtungsassessment“, es liegt bereits seit längerem vor und wurde bereits in einem großen Projekt erprobt.
Den pflegerischen Prophylaxen wird in diesem Assessment weiterhin keine große Bedeutung zugemessen. Sie werden in Modul 8 im Anschluss an die Haushaltsführung als Präventionsbedarf erfasst. Im Einzelnen sind hier ge-nannt:

  •  Sturzrisiko,
  •  Dekubitusrisiko,
  •  Dehydrationsrisiko,
  •  Anzeichen für Mangelernährung,
  •  Anzeichen für Alkohol- oder Drogenmißbrauch,
  •  Probleme bei der Medikamentenversorgung und
  •  andere krankheitsbezogene Risiken.

Es wird hier lediglich differenziert, ob ein Risiko besteht und ob Maßnahmen erforderlich sind. Es wird nicht erfasst, ob der Pflegebedürftige das Risiko er-kennen kann, ob er selbst zu vorbeugendem Handeln in der Lage ist oder ob er Hilfe benötigt. Die Beeinträchtigung der Selbständigkeit als Abhängigkeit von personeller Hilfe wird nicht bewertet, die Prämisse des neuen Pflegebedürftig-keitsbegriffes scheint aus dem Blick geraten zu sein.
Beachtenswert ist hier außerdem, dass der Präventionsbedarf von dem für die Bestimmung der Pflegebedürftigkeit relevanten Bereich des Assessments, den Modulen 1-6, abgesetzt ist, an der Bewertung hat er keinen Anteil. Hier wird das oberflächliche Verständnis von Prophylaxen deutlich.
Die Autoren des Assessments begründen die Ausklammerung der Prophylaxen (im Abschlussbericht zur 1. Hauptphase des Projekts):
In der ursprünglichen Fassung war noch ein Modul „Umgang mit Risi-ken/Sicherheit“ vorgesehen, mit dem präventionsrelevante Aspekte er-fasst werden sollten. Im Rahmen der Entwicklungsarbeiten traten jedoch erhebliche Probleme der Abgrenzung zu anderen Modulen auf (insbe-sondere gegenüber den Bereichen kognitive Fähigkeiten, Verhaltenswei-sen und Umgang mit krankheits-/therapiebedingten Anforderungen). Wei-tere Schwierigkeiten ergaben sich daraus, dass sich wichtige Teilaspekte des Umgangs mit Risiken nicht sinnvoll operationalisieren lassen, zumin-dest nicht unter der Maßgabe, dass am Ende eine Aussage zum Grad der Selbständigkeit getroffen werden kann. Die Erfassung von Risiken wurde daher aus dem pflegestufenrelevanten Assessment ausgegliedert. Die entsprechenden Fragen zur Ausprägung von und zum Umgang mit Risiken finden sich nunmehr in einem anderen Abschnitt des Instru-ments, in dem auch die Einschätzung der Hilfsmittelversorgung und Re-habilitationsbedürftigkeit erfolgt.
Allerdings halte ich die Idee nicht für abwegig, dass hier auch Bestrebungen, den Übergang vom alten zum neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff kostenneutral zu gestalten, eine Rolle gespielt haben.
Ein Vorschlag, der mir sinnvoll erscheint, wäre eine Erweiterung des Moduls „Mobilität“ um damit einhergehende Maßnahmen wie:

  •  Dekubitusprophylaxe
  •  Kontrakturenprophylaxe
  •  Tromboseprophylaxe
  •  Sturzprophylaxe
  • Dem Modul „Selbstversorgung“ sollten zugeordnet werden:
  •  Pneumonieprophylaxe
  •  Soor- und Parotitisprophylaxe,
  •  Zystitisprophylaxe,
  •  Obstipationsprophylaxe,
  •  Exsikkoseprophylaxe

Die Ausklammerung der Prophylaxen mögen bei den Bemühungen, die Einfüh-rung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs kostenneutral zu gestalten, hilf-reich sein. Ihre Bedeutung für die Gesundheit des Pflegebedürftigen ist jedoch unbestritten und die gesetzlichen Regelungen sind klar. Es ist nicht akzeptabel, dass die pflegerischen Prophylaxen, die bei der bisherigen Feststellung die Be-deutung einer milden Gabe haben, zukünftig zu einem guten Rat herabgestuft werden.

Maria Penzlien
Am Ree 13
22459 Hamburg