Deutsches Netzwerk für Sachverständige in der Pflege

Ermittlung des behinderungsbedingten Pflegemehrbedarfs bei Erwachsenen

Von Maria Penzlien, Hamburg, den 18.9.2015

Sehr oft kommt es vor, dass der Sachverständige sich im Auftrag des Landgerichtes mit der Ermittlung des behinderungsbedingten Pflegemehrbedarf kümmern muss. Dabei geht es um die Fragen, welche Leistungen sind ihm zuzuordnen, wie grenzt er sich von den Sozialgesetzen ab. Unabhängig davon, ob es sich um einen Behandlungsfehler oder ein traumatisiertes Unfallereignis handelt. Durch die Ermittlung des behinderungsbedingten Pflegemehrbedarf soll ein Schadensersatz, Schmerzensgeld und die Feststellung weiterer zukünftiger materieller Schäden erfasst und berechnet werden können. Deshalb ist es am allerwichtigsten, dass der Sachverständige die Pflege beschreiben, erfassen und begrenzen kann.

 Welches Expertenwissen braucht der Sachverständige ?

Der Sachverständige kann auf Pflegephilosophie, Pflegemodelle, Pflegetheorien, Pflegediagnosen, Pflegeprozeßplanung, Nationale Expertenstandard der Pflege, Pflegekonzepte wie z.B. das Bobath-Konzept, Kinästhetik – Pflegekypernetik und verschiedene Pflegeassessment (Skalen zur Messung des Ausmaßes), die es der Pflege erlauben zu klassifizieren zu greifen und sie anwenden.

Fachliche Assessments, Instrumente für die Begutachtung (z.B. ICF, Barthel-Index, Rivermead ADL-Skala) zur Ermittlung des Hilfebedarf und der Behinderungen.

Der Barthel-Index ist ein Verfahren zur systematischen Erfassunggrundlegender Alltagsfunktionen. Dabei werden vom Arzt oder vom Pflegepersonal 10 unterschiedliche Tätigkeitsbereiche mit Punkten bewertet zuerst bei der Aufnahme und dann noch bei der Entlassung. Erfasst werden Fähigkeiten beim Essen, Baden, Körperpflege, An- und Auskleiden, Stuhlkontrolle, Urinkontrolle, Toilettenbenutzung, Bett.bzw. Stuhltransfer, Mobilität und Treppensteigen.

Ein Beispiel:Die ICF ist eine Klassifikation, mit welcher der Zustand der funktionalen Gesundheit einer Person beschrieben werden kann. Insbesondere ermöglicht sie es, das positive und negative funktionale Bild einer Person in den Bereichen der

  1. Funktionen und Strukturen des menschlichen Organismus,

  2. Tätigkeiten (Aktivitäten) aller Art einer Person und Teilhabe an Lebensbereichen (z.B. Erwerbsleben, Erziehung/Bildung, Selbstversorgung, usw.) vor dem Hintergrund möglicher Förderfaktoren und Barrieren

standardisiert zu erfassen.

Beispiel: Eine Person gilt nach ICF als funktional gesund, wenn – vor ihrem gesamten Lebenshintergrund (Konzept der Kontextfaktoren) – ihre körperlichen Funktionen (einschließlich des geistigen und seelischen Bereichs) und ihre Kör­perstrukturen allgemein anerkannten (statistischen) Normen entsprechen (Konzepte der Körperfunktionen und –strukturen), sie all das tut oder tun kann, was von einem Menschen ohne Gesundheitsproblem (Gesundheits­problem im Sinn der ICD) erwartet wird (Konzept der Aktivitäten), und sie zu allen Lebensbereichen, die ihr wichtig sind, Zugang hat und in diesen Lebensbereichen in der Weise und dem Umfang entfalten kann, wie es von einem Menschen ohne Beeinträchtigung der Körperfunktionen oder -strukturen oder der Aktivitäten erwartet wird (Konzept der Teilhabe an Lebensbereichen).

In diesem Zusammenhang spricht die WHO auch von Funktionsfähigkeit. Funktionsfä­higkeit, umfasst alle Aspekte der funktionalen Gesundheit.

Ein weiteres Beispiel: Pflegetherapeutische Aktivierende Pflege nach dem Bobath-Konzept.

Hier geht es u.a. auch um Wahrnehmungsförderung. Das kann sich gestalten in einem Einkaufstraining, damit der Geschädigte wieder lernt, wie die einzelnen Lebensmittel heißen, (z.B. bei einer flüssigen Aphasie) und diese auch wieder auszusprechen lernt, ein Esstraining bei Neglect1 wenn diese Fähigkeiten behandlungsfehlerhaft verloren gegangen sind. Oder auch ein Gehtraining auf unebener Strasse ect..

Beachtet wirdauch die Leistung der Eigeninitiative im therapeutischen Bereich.

Der Sachverständige beherrscht die Grundlagen und Techniken wissenschaftlichen Arbeitens und Grundlagen der Vortragstechnik. Er kann nach Aktenlage, den Sachverhalt erschöpfend behandeln.

Er kennt institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen in der Gesundheits- und Krankenpflege. Er hat ein umfassendes Wissen zum Sozialrecht und den sich daraus ergebenden Leistungen.

Zum Beispiel: Die Krankenkasse zahlt z.B. bei der Palliativ Pflege in einem Hospiz einen Zuschuss zu den Kosten. Dieser beträgt unter Anrechnung der Leistungen der Pflegekasse 90 % der Kosten. Der Zuschuss beträgt mindestens 198,45 € am Tag (7 % der monatlichen Bezugsgröße). Der Anteil der Pflegekasse richtet sich nach der Pflegestufe des Versicherten und wird in gleicher Höhe wie die Leistung bei vollstationärer Pflege gezahlt. Der Hospizträger leistet einen Anteil von 1% des Tagessatzes über Spendeneinnahmen (Christine Schmidt- Statzkowski 2015).

Der Sachverständige überprüft auch die Brauchbarkeit und den Nutzen von Hilfsmitteln. Ggf. vorhandene Versorgungsmängel können durch eine Begutachtung erfasst und gelöst werden.Die Kompetenz, die Kenntnis der Produktpalette und die Steuerung der Hilfsmittelversorgung durch die verordnenden Ärzte sind oft mangelhaft und für den Kostenträger nicht ausreichend begründet. Aufgrund der Komplexität und Heterogenität sowie des beständigen Wandels des Hilfsmittelmarktes ist Expertenwissen erforderlich. Eine Überversorgung verursacht hohe Kosten. Diese ist ebenso wie Fehl- und Unterversorgung dringend zu vermeiden, da dadurch Ressourcen vergeudet, Teilhabe-Chancen nicht ausgeschöpft und zugleich Handlungsspielräume der Kostenträger eingeengt werden. Wichtig ist auch bei der Begutachtung zu erkunden inwieweit im häuslichen Bereich umfeldverbessernde Maßnahmen gemäß § 40 SGB XI erforderlich wären und dann widerum sinnvoll in die Pflegeversorgung zu integrieren sind.

Der Sachverständige würdigt auch die Leistungen der Pflegeperson bei der Behandlungspflege und ist in der Lage, professionelle Pflege zu organisieren.

Er berücksichtigt die Teilhabe des Pflegebedürftigen am gesellschaftlichen Leben, dessen Hobbys, Gewohnheiten und Bedürfnisse der Freizeitgestaltung oder ggf. auch dessen Wiedereingliederung in eine berufliche Tätigkeit.

Daneben kennt er die Vergütungssysteme für eine Laienpflegekraft und Pflegefachkraft, und die Entgeltgruppen des öffentlichen Dienstes (TVöD) und kann auch den Haushaltsführungsschaden bei Ausfall der Haushaltsführenden Person berechnen.

1Beim Neglect handelt es sich um eine neurologische Störung der Aufmerksamkeit in Form der Vernachlässigung einer Raum- bzw. Körperhälfte (egozentrisch) und/oder Objekthälften (http://flexikon.doccheck.com/de/Neglect)