Deutsches Netzwerk für Sachverständige in der Pflege

Stellungnahme vom 14.3.2018 zum neuen Begutachtungs Instrument (NBI)

 

 

Am 01.01.2017 ist das Pflegestärkungsgesetz II in Kraft getreten. Eine logistische Herausforderung für alle beteiligten Akteure. Durch die neue Definition der Pflegebe-dürftigkeit bedurfte es nicht nur eines grundsätzlichen Umdenkens in der gesamten Fachwelt sondern auch einer Neuorganisation in der Dokumentation, sowie auch einer erneuten vertieften Aufklärung und Information der Pflegebedürftigen und in der Klärung von Verständnisfragen der Antragsteller.

Wenngleich sich mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff die kognitiven Defizite der Antragsteller deutlicher darstellen lassen, und für die Betroffenen nachvollziehbarer ins Begutachtungsergebnis einfließen, besteht für viele ein Unverständnis darüber, dass man trotz Vorliegen einer Funktionsstörung, ggf. mit Einsatz eines Hilfsmittels vorhandene Fähigkeitsstörungen ausgleichen kann und dann selbständig ist, um nur eines der für den Betroffenen unklaren Beispiele zu nennen.

Der „neue“ Pflegebedürftigkeitsbegriff orientiert sich u.a. an der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit/ den ICF und spiegelt die Aktivitäten und Partizipation wieder.

Die strukturierte Informationssammlung/ SIS – als ein Element im Strukturmodell und das neue Begutachtungsinstrument haben zwar unterschiedliche Funktionen, jedoch bildet die strukturierte Informationssammlung wesentliche Informationen für die individuellen, kontextabhängigen Pflegebedarfe, orientiert am NBI ab. (Quelle, Beikirch, Thesenpapier vom 26.07.2016).

Im Rahmen dieser Pflegedokumentation in den Einrichtungen erfasst diesbezüglich gezielt die „neuen“ Kriterien, und mit der Wichtung der unterschiedlichen Bereiche, werden die Beeinträchtigungen zwar unterschiedlich stark in der Wertung berücksichtigt, aber in ihrer prozentualen Angabe bei jedem Antragsteller gleichwertig gewürdigt. (siehe auch Punkt .4.10/ F5/ Ergebnis der Begutachtung S. 67 Bri).

 

Aktuell haben ca. 3 Millionen Menschen einen Pflegegrad. Die Tendenz ist steigend, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Spitze der geburtenstarken Jahrgänge in der Bevölkerungspyramide noch nicht überwunden ist.

Seit dem 01.01.2017 sind die Richtlinien des GVK-Spitzenverbandes zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit von 31.3.2017 maßgeblich. Der „Neue Pflegebedürftigkeitsbegriff“ wurde lange wissenschaftlich begleitet und erprobt, bevor er nun in seiner „endgültigen“ Form mit dem Neuen Begutachtungsassessment zum 01.01.17 die Grundlage zur Einschätzung der Pflegegrade wurde. Das Berechnungssystem ist für alle Beteiligten durchschaubarer und nachvollziehbarer geworden.

 

Positiv zu vermerken ist, dass durch die Einbindung der Module 2, 3, 5 und 6 die Erkrank-ungen in Kognition und Psyche anerkannt werden. Ebenso, dass der Umgang mit Krankheit / therapiebedingten Anforderungen und Belastungen wie auch die Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte berücksichtigt wird.

Dennoch muss aus Sachverständigensicht an der Grundlage noch „nachgebessert“ werden, denn viele Definitionen der Kriterien sind für die „Anwender“ nicht verständlich formuliert, und bedürfen einer deutlicheren Klarstellung.

Durch den Paradigmenwechsel vom Zeitbedarf hin zur Selbständigkeit, den zu erfassenden Kriterien in den Modulen und den pflegefachlichen Konkretisierungen werden nicht alle Funktions-/ und Fähigkeitsstörungen ausreichend erfasst.

 

Ein – aus pflegewissenschaftlicher/ pflegesachverständiger Sicht- deutlich großes Defizit besteht darin, dass konkret die Hilfen bei Prophylaxen in keinem Modul erfasst und bewertet werden. Dies ist besonders bedeutsam vor dem Hintergrund, dass überall dort, wo tatsächliche Hilfen zur Durchführung der Prophylaxen nicht leistungsrelevant bewertet werden, dieselben in der Praxis auch nicht durchgeführt werden! Ein wichtiger Aspekt, der hohe Kosten (Behandlungskosten/ Krankenhausaufenthalte etc.) nach sich zieht und gesamtgesellschaftlich getragen werden muss.

 

Zu den einzelnen Modulen werden -nach kritischer Auseinandersetzung- mit der Praxissituation inhaltliche folgende Veränderungen und Praxisanwendungen empfohlen, wenngleich für die meisten Module eine abschließende Definition/ Zuordnung definiert wurde. (siehe auch S: 39 BRi/ Pflegefachliche Konkretisierung der Module und der Abstufung der Selbständigkeit.)

 

Modul 1 Mobilität

Zu dem Punkt 1.2 Halten einer stabilen Sitzposition:

 

Unsauber formuliert, weil nicht zwischen sich auf einem Bett oder auf einem Stuhl aufrecht halten zu können unterschieden wird (auf einem Stuhl können Menschen sitzen, die sich nicht auf der Bettkante halten können) und weil m. E. unklar bleibt, welchem Selbständig-keitsgrad ein Mensch, der sich mit Rücken- und Seitenstützen (z.B. bei entsprechend angepassten Rollstühlen) über Stunden und ohne personelle Hilfe zur Positionskorrektur sitzen kann zuzuordnen ist. Wie soll mit der Situation umgegangen werden, wenn eine physiologische Rumpfinstabilität besteht, die nur mit Hilfsmitteln ausgeglichen werden kann (Orthesen/ Korsett, etc.). Die Definition für die Vergabe von 2 bzw. 3 Punkten ist hierzu nicht vollständig nachvollziehbar. Es finden sich in den aktuellen Kommentaren (Udsching; Krahmer/ Plantholz) dazu auch keine sachdienlichen Hinweise.

Praxishinweis: Es sollten zwei Punkte vergeben werden, wenn immer ein personen-bezogener Einsatz notwendig ist, um das Halten einer stabilen Sitzposition zu ermöglichen.

 

Zu dem Punkt 1.2.4 hier sollte die Definition verändert werden: besteht eine physiologische Rumpfinstabilität und wird diese mit Hilfsmitteln ausgeglichen, dann sind 3 Punkte zu vergeben.

 

Zu dem Punkt 1.3 Umsetzen

Praxishinweis: Definitionen überwiegend selbständig: 1 Punkt sollte gegeben werden, wenn beim Umsetzen die Selbstständigkeit nur bei vielfältigen Fähigkeitsstörungen durch erhebliche körperlicher Anstrengung (z.B. bei Schmerz/ Dyspnoe) erbracht wird

Auch sollte in der Definition für das Umsetzen die fehlenden Umsetzmöglichkeiten, wie Sitzfläche, Bettkante, Stuhl, Sessel, Bank, Toilette, Rollstuhl, Toilettenstuhl ergänzt werden, und dann bei der Begutachtung einzeln evaluiert werden. Eine tabellarische Übersicht, würde nachvollziehbar deutlich machen, was der Klient kann/ nicht kann. Ein Mittelwert der Punkte könnte dann ermittelt werden. Dieser Mittelwert ergäbe dann die Gesamtpunktzahl.

 

Zu dem Punkt 1.4 Fortbewegen innerhalb des Wohnbereiches

Frage ist: wird die Fähigkeit eine Tür zu öffnen/schließen mit berücksichtigt?

Praxishinweis: In der Definition wird dargestellt, dass eine übliche Gehstrecke innerhalb einer Wohnung sich im Bereich von 8 m bewegt. Aus sachverständiger Sicht, wäre es auch wichtig, Barrieren, die sich im Wohnumfeld befinden (Schwellen, Türen, Stufen etc. mit zu berücksichtigen. Sollte zur Überwindung dieser Barrieren die Selbstständigkeit eingeschränkt sein, sind 2 Punkte zu vergeben.

 

Zum Punkt 1.5 Treppensteigen

Ist es richtig beimTreppensteigen von einer durchschnittlichen Wohnsituation auszugehen und Selbständigkeit festzustellen, wenn ein Mensch mit Halt am einseitigem Handlauf sicher Treppensteigen kann? Was ist festzustellen, wenn ein Mensch nur mit Halt an beid-seitigen Handläufen ohne personelle Hilfe Treppensteigen kann oder wenn ein Mensch bei der Toilettennutzung (4.4.10) nur mit vorhandenen Stütz-/Klappgriffen selbständig ist (diese gehören ja nicht zur durchschnittlichen Wohnsituation)?

Modul 2 kognitive und kommunikative Fähigkeiten

Zu dem Punkt 2.6 Treffen von Entscheidungen im Alltagsleben

Wird auf folgenden Aspekt hingewiesen:

Wenngleich die Fähigkeit beurteilt werden soll, geeignete Entscheidungen im Alltagsleben zu treffen, wie dem Wetter angepasste Kleidung, die Durchführung von Aktivitäten zu entscheiden, einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen, etc. sollte hier ganz deutlich klar gestellt werden, dass der Gutachter seine eigenen Wertvorstellungen in der Begutachtungssituation zurückstellen muss.

Siehe auch: Kramer/ Plantholz 5. Auflage: Lehr/ Praxiskommentar: „Dies im Rahmen eines Hausbesuchs zu beurteilen dürfte besonders schwierig sein; die Beurteilung darf nicht dazu führen, dass der Gutachter seine Wertvorstellung von einer rationalen Entscheidung an die Stelle einer gewollten Entscheidung des Versicherten setzt.“ (S. 319)

 

Zu dem Punkt 2.11 Beteiligung an einem Gespräch

Beschrieben in der Definition ist die Fähigkeit, in ihren Ausprägungsgraden. Hier wäre der Hinweis, auch in den Ausführungen Hör-/ Sprachgeschädigte Menschen aufzuführen, wenn eben genau diese Hör-/ Sprachbehinderung es ihnen nicht möglich macht, sich an einem Gespräch zu beteiligen. Wenngleich die BRi in ihren Ausführungen auf S. 42 darauf hinweisen, dass für Punkt 2.9-2.11 in den einführenden Erläuterungen darauf hinweisen, sollte es in den Ausführungen an eben dieser Stelle deutlich hervorgehoben werden, um auch adäquat berücksichtigt zu werden.

 

Modul 3 Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

Ein grundsätzliches Problem stellt die Evaluierung der Häufigkeit der Verhaltensweisen und psychischen Problemlagen dar. Wenngleich hier – im Gegensatz zu den anderen Modulen die Kriterien nicht abschließend definiert sind, ist die tatsächliche Objektivität in der Erfassung in der einmaligen Hausbesuchssitutation fraglich. Dies erscheint besonders problematisch in den Bereichen, in denen nicht zwangsläufig eine Pflegedokumentation erstellt wird, aus der man dies ableiten könnte. Gemeint ist z.B. die Versorgung im häuslichen Kontext durch Familienangehörige, in einer Wohngemeinschaft etc. Auch können Sozialstationen – die nur punktuell vor Ort sind – hierzu kaum eine objektive Aussage verfassen. Es wird sachverständigenseits empfohlen, hierzu mehrer Quellen einfließen zu lassen (Angaben der Angehörigen/ Angaben der Sozialstation/ Angaben der beteiligten Ärzte/ Therapeuten/ etc.) und daraus dann einen Mittelwert zu bilden (Summe der beteiligten Informationsquellen/ dividiert durch Anzahl der beteiligte Informationsquellen.

 

Zu dem Punkten 3.9 Wahnvorstellungen/3.10 Ängste/ 3.11 Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage

Ist es korrekt hier auch neurologisch bedingte Antriebsstörungen (wie häufig nach Schädel-Hirnverletzungen vorkommend) zu berücksichtigen? Die Kriterien für Modul 3 sind ja nicht abschließend definiert.

Praxistip: Es wird angeregt sich zur Bewertung ein Nachweis durch den behandelnden Neurologen/Psychiater/ Arzt / vorlegen zu lassen, um nicht subjektiv gutachterliche Wertvorstellungen bei der Einschätzung einfließen zu lassen.

 

Zu dem Punkt 3.12 Sozial inadäquate Verhaltensweisen/ 3.13 sonstige pflegerelevante inadäquate Handlungen:

Bei den sozial inadäquaten Verhaltensweisen/ Handlungen, wäre die Erwähnung von Beispielen, die mit solchen einhergehen hilfreich, wie z.B. das Vorliegen einer geistigen Behinderung, Folgen eines Schädel- Hirn- Traumas, Vorliegen eines genetischen Defektes mit kognitiver Beteiligung wie z.B. beim Down- Syndrom, um dann auch tatsächlich die „individuelle Situation des Betroffenen“ adäquat zu bewerten.

Aus den Modulen 2 bzw. 3 fließt immer nur der jeweils gewichtete höhere Punktwert in die Berechnung des Gesamtwertes ein. (BRi S. 70), und wird mit 15% gewichtet. Maximal können in diesem Modul 15 gewichtete Punkte erreicht werden. Hier wäre zu hinterfragen, ob diese Gewichtung tatsächlich ausreichend ist, denn ein –nicht Vorhandensein- all dieser Fähigkeiten zieht eine hohe Anwesenheitsnotwendigkeit/ Beaufsichtigungsbedarf seitens der Angehörigen nach sich.

 

Modul 4 Selbstversorgung

Bei der Bewertung der Punkte 4.1/ Waschen des vorderen Oberkörpers bis 4.6/ An-/ Auskleiden des Unterkörpers findet der Rücken/ hintere Oberkörper keine Berücksichtigung (S. 52- 55). Es wird daher angeregt, die Definition des Punktes 4.1 zu erweitern auf vorderer/ hinterer Oberkörper, und nicht zu beschränken.

 

Zu dem Punkt 4.2/ Körperpflege im Bereich des Kopfes wird angeregt, die einzelnen Verrichtungen zu erfragen (d.h. die Selbstständigkeit im Kämmen, Zahnpflege, Prothesen-reinigung, Rasieren einzeln zu erfassen) und summarisch dann den Mittelwert zu ermitteln. Hintergrund ist die objektive Erfassung, die sich bei den einzelnen Verrichtungen sehr unterschiedlich darstellen kann.

 

Zu dem Punkt 4.4 Duschen und Baden einschließlich Waschen der Haare

Es wird empfohlen, die Definition ebenso zu erweitern in „Waschen des Unterkörpers“ Aus gutachterlicher Sicht ist die Definition mit Duschen/ Baden zu eng gefasst, und Pflege -bedürftige, die weder Baden noch Duschen können, bekommen ja in der Praxis meist am Waschbecken oder im Bett den unteren Körperbereich gewaschen.

Dieser Praxishinweis zielt darauf ab deutlich zu machen, dass wenn der untere Körperbereich nicht definiert wird, konkret dann auch keine Pflicht besteht denselben zu waschen. Das würde in Konsequenz bedeuten, dass pflegefachliche Beobachtungen und Erkenntnisse, wie z.B. die Feststellung eines Dekubitus, Ulcera oder Gangränes nicht rechtzeitig erkannt werden.

 

Zu dem Punkt 4.7 mundgerechte Zubereitung der Nahrung und Eingießen von Getränken

Hier wäre explizit darauf hinzuweisen, dass ein Hilfsmitteleinsatz konkret zu benennen wäre. Es gibt gerade für diesen Bereich mittlerweile auf dem Markt eine Reihe von Hilfs-mitteln, welche die Selbständigkeit des Pflegebedürftigen in diesem Bereich erheblich verbessern können.

 

Zu dem Punkt 4.10 Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhl:

Berücksichtigt wird in den Ausführungen der BRi/ S. 57 nur die personelle Hilfe, die ggf. notwendig wird, um die Verrichtung durchzuführen. Nicht berücksichtigt wird die Reinigung des Toilettenstuhls/ der Toilette (Entleeren/Spülen/ Wiederbereitstellung), also die Nachbereitung des Hilfsmittels, die aus gutachterlicher Sicht aber Teil des Ganzen ist. Hier wird empfohlen, es in die Definition mit aufzunehmen.

 

Zu dem Punkt 4.11 Bewältigen der Folgen einer Harninkontinenz und Umgang mit Dauerkatheter und Urostoma,

Es wird empfohlen, auf die Kontinenzprofile des DNQP_ Expertenstandards Bezug zu nehmen, und als fachliche Grundlage das Kontinenzprofil neben der medizinischen Diagnose der Inkontinenz zu ermitteln, um dann die Zuordnung zu den unterschiedlichen Selbstständigkeitsgraden zu objektivieren.

 

Gleiches ist für denPunkt 4.12/ Bewältigung der Folgen einer Stuhlinkontinenz und Umgang mit Stoma-/ Inkontinenz-/ Stomasystemen zu ermitteln, analog der Zuordnung zu den Kontinenzprofilen würde ein Zuordnung die Selbständigkeit/ Unselbständigkeit nachvollziehbarer machen. Unklar ist, ob der Hilfebedarf bei der Intimpflege mit zu berücksichtigen ist oder nicht?

 

Modul 5 Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit Krankheit oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen

Um das Modul 5 in der Begutachtungssituation adäquat bewerten zu können, sollte grundsätzlich eine ärztliche Anordnung für mindestens sechs Monate vorliegen/ bzw. dem Gutachter vorgelegt werden, um Berücksichtigung zu finden. Nicht alle in den BRi erfrag-ten Angaben können durch die Pflegebedürftigen/ Angehörigen in der Häuslichkeit beantwortet werden. Es wird gutachterlicherseits empfohlen, mit der Ankündigung des Hausbesuches die ärztliche Anordnung, die notwendige Medikationsgabe etc. bei den Behandlern einzufordern, um dann objektiv erfassen zu können.

 

Ein weiterer Hinweis ergibt sich bei der Definition zu Punkt 5.2 „Injektionen“: Hier sollten aus Sachverständigensicht auch die vielen Bolusgaben z.B: bei Schmerz/ Insulinpumpen ebenso Berücksichtigung finden.

 

Bei dem Punkt 5.4 „Absaugen und Sauerstoffgabe“sollte in der Definition das Reinigen des Sauerstoffgeräten mit aufgenommen werden, weil es pflegefachlich Teilschritt des Vorganges ist.

 

Bei dem Punkt 5.5 Einreibungen sowie Kälte und Wärmeanwendungen sollte deutlich herausgestellt werden, dass die Einreibungen nicht mehr nur auf Dermatika begrenzt sind, sondern mit dem neuen Begutachtungsinstrument der Fokus auf der ärztlichen Anordnung liegt.

 

Bei dem Punkt 5.7 körpernahe Hilfsmittel sollte die Definition erweitert werden um das Tens Gerät, die Baclofenpumpen/ Insulinpumpen etc.

 

Bei dem Punkt 5.10 regelmäßige einmal Katheterisierung und Nutzung von Abführmethoden wäre zu erwähnen, dass es derzeit Reglementierungen der Kostenträger für die Versorgung von Stomaartikeln, Katheterartikel und Urinal Kondomen gibt. Daher sollte gutachterlich bewertet werden, wie häufig der tatsächliche Bedarf besteht, und nicht nur die „wirtschaftlich erzwungene Praxissituation“ gewürdigt werden.

 

Bei dem Punkt 5.15 zeitlich ausgedehnte Besuche medizinischer oder therapeutischen Einrichtungen (länger als 3 Stunden), ist es aus gutachterlicher Sicht sinnvoll, die Zeiten für die Fahrstrecke/ die Wartezeit sich auch tatsächlich nachweisen zu lassen, denn die aktuelle Berechnung für einen monatlichen Arztbesuch mit über 3 Stunden, liegt bei 0,3 Punkten und wird nur mit 0 Punkten gewichtet. Für einen Menschen mit eingeschränkter Selbstständigkeit sind die Fahrzeiten, die Wartezeiten und dann der Arztbesuch eine sehr hohe Belastung. Unklar bleibt auch noch, ob und unter welchen Voraussetzungen erforderliche Hilfen in Zusammenhang mit Übernahme von Transporten, Hilfen in den Praxen, Verladen von Rollator o. ä., in/aus Pkw, Hilfen beim Bewegen usw. zu berücksichtigen sind.
Modul 6 Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte sozialer Kontakte

Auch der Punkt 6.1 Gestaltung des Tagesablaufs und Anpassung an Veränderung

erscheint schwer objektiv in so einer einmaligen Begutachtungssituation beurteilbar zu sein. Aus gutachterlicher Sicht empfiehlt es sich eine mehrtägige Tagesplanung vorzulegen zu lassen, um nicht die eigenen Wertungsmaßstäbe in die Beurteilung einzubringen.

 

Auch bei dem Punkt 6.3 sich beschäftigen wird auf mögliche Beeinflussung der Beurteilung durch die eigenen Wertvorstellungen des Gutachters hingewiesen, die es auszuschalten gilt, um nachvollziehbar und objektiv zu bewerten.

 

Bei dem Punkt 6.4 Vornehmen von in die Zukunft gerichteten Planungen, längere Zeitabschnitte über den Tag hinausplanen, zeigt sich auch wieder die Schwierigkeit der tatsächlich objektiven und individuellen Bewertung, aus gutachterlicher Sicht wird empfohlen, um das Maß der Selbstständigkeit/ Unselbständigkeit ermitteln zu können, die Nutzung von Eingliederungshilfe, Nachbarschaftshilfe, ehrenamtlichen Entlastungs-angeboten, Tagespflege, Nutzung des Entlastungsbetrages gemäß §45 SGB XI zu ermitteln, und in die Bewertung einfließen zu lassen.

 

Bei dem Punkt 6.5 Interaktion mit Personen im direkten Kontakt findet aus gutachterlicher Sicht eine deutliche Überschneidung mit dem Punkt 2.11/ Beteiligung an einem Gespräch statt. Es ist unklar, wie dieser Aspekt sachlich objektiv bewertet werden soll, wenn der Betroffene in einem Single- Haushalt lebt.

 

Bei dem Punkt 6.6 Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfeldes ergibt sich aus gutachterlicher Sicht die Notwendigkeit, beim Pflegebedürftigen die Nutzung sozialer/ lokaler/ konfessioneller Angebote und ähnlichem zu erfragen, um auch diesen Punkt nachvollziehbar bewerten zu können.

 

 

Bei der Anwendung ist uns aufgefallen, dass noch viele Unklarheiten bestehen, und hat daher dieses Statement notwendig gemacht. Bei weiterer Praxis wird es sicherlich noch weiter kritische Aspekte folgen, die zur Verbesserung der objektiven Feststellung der Pflegebedürftigkeit beitragen, die zur Zeit noch nicht gegeben ist. Aus der Praxis wissen wir, dass die durchschnittlichen Hausbesuche beim Betroffenen ca. 2- Stunden dauern.

 

Module 7 und 8

Die versorgungsrelevanten Informationen die im Modul 7 und 8 abgefragt haben keinen leistungsrechtlichen Anspruch nach SGB XI. Sie dienen lediglich Empfehlungen zur Förderung oder zum Erhalt der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten, Prävention und Rehabilitation. Generell bleibt offen: Können auch Hilfen beim Erreichen von Behörden, Banken usw. (Fahrdienste, Hilfen beim Bewegen außerhalb der Whg.) berücksichtigt werden?

 

Entsprechend des Pflegestärkungsgesetz III, sollten 60 Modellkommunen bundesweit geschaffen werden, um diese Module inhaltlich zu füllen. Es gibt bis Februar 2018 nachweislich keine einzige Kommune, die sich als Modellkommune zur Verfügung gestellt hat.(Quelle: „ Die Rolle der Kommunen in der Pflegepolitik” S. 327 )

Von der Einrichtung nennenswerter Stellenkapazitäten -für das Themenfeld Alter und Pflege- sind viele Kommunen jedoch, auch vor dem Hintergrund ihrer strukturellen Unterfinanzierung noch weit entfernt.

Dem in der Politik häufig gezeichneten “Ideal”, bei dem entsprechende Landesgesetze zur Umsetzung des Moduls 7 und 8 beitragen, kann im Moment nur festgestellt werden, dass eben diese in der derzeitigen Realität nicht vorhanden sind. Bedauerlicherweise kann deshalb die Zielsetzung der Teilhabe und Selbstständigkeit in der Bundesrepublik in der Gesellschaft nicht erreicht werden.

 

Im Fazit

Die Sachverständigen des Netzwerkes haben festgestellt, dass zur objektiven Bewertung der Selbstständigkeit noch weitaus mehr pflegefachliche Konkretisierungen der Module sowie der Abstufungen der Selbständig realisiert werden müssen.

Selbst die aktuellen Kommentierungen (Krahmer/ Plantholz; Udsching Schütze) sind nicht anwendbar, weil sie in ihren Ausführungen keine ausreichende Hilfestellung zu den angesprochenen Punkten bieten

Krahmer/ Plantholz (Hrsg.): Sozialgesetzbuch XI- Soziale Pflegeversicherung, Lehr- und Praxiskommentar, 5. Auflage, 2018, Nomos- Verlagsgesellschaft Baden- Baden. Udsching/ Schütze: GGB XI- Soziale Pflegeversicherung; 5. Auflage 2018, C.H. Beck Verlag, München

 

 

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