Deutsches Netzwerk für Sachverständige in der Pflege

Die Einschätzung der Pflegebedürftigkeit – ein Glücksspiel

Ein Kommentar zu den Begriffen

Das Ziel, eine empirisch valide Messung von Pflegebedürftigkeit zu entwickeln, ist methodisch auf diesem Weg nicht zu erreichen. Probleme liegen in erster Linie in der Art begründet, in der aus einzelnen Kriterien in einem fünfstufigen Summierungs- und Gewichtungsprozess die Pflegegrade entstehen. Das NBA mischt in seiner aktuellen Form Erklärungs- und reine Abbildungsversuche von Pflegebedürftigkeit. Im Interesse einer besseren Erklärung von Pflegebedürftigkeit müsste die theoretische Entwicklung der Kriterien nochmals geprüft werden. (Albert Brühl 2012). Da die Begutachtungs-Richtlinien (Bri) 2017 ihre festgesetzten Begriffe teilweise nicht erläutert hat, ist der Willkür Tür und Tor geöffnet und die Einschätzungen beruhen teilweise auf Mutmaßungen. Dies hat nichts mit Validität zu tun. Denn Validität wird als etwas verstanden, das ein Test misst, was er zu messen vorgibt.

 

Modul 2

2.1 Erkennen von Personen aus dem näheren Umfeld

Definition: Fähigkeit größtenteils vorhanden

Die Person erkennt bekannte Personen beispielsweise erst nach einer längeren Zeit des Kontaktes in einem Gespräch oder sie hat Schwierigkeiten, wenn auch nicht täglich, aber doch in regelmäßigen Abständen vertraute Personen zu erkennen.

Anmerkungen

Was eine längere Zeit des Kontaktes beinhaltet wurde in den Bri 2017 nicht definiert- Man kann zwar Informationen aus Fremdanamnesen (Angehörige/Pflegedienst/Arzt etc.) einholen, aber das ist nicht immer möglich.In stationären Einrichtungen ist es aufgrund der institutionellen Rahmenbedingungen (Personalwechsel) schwierig, bekannte Personen zu erkennen, so dass die Bewertung auch situationsabhängig sehr unterschiedlich sein kann.

 

2.2 Örtliche Orientierung

Definition: Fähigkeit größtenteils vorhanden

Es bestehen Schwierigkeiten, sich in der außerhäuslichen Umgebung zu orientieren, beispielweise nach Verlassen des Hauses wieder den Weg zurückzufinden. In den eigenen Wohnräumen existieren solche Schwierigkeiten nicht.

Anmerkungen

Als Gutachter müsste man die außerhäusliche Umgebung mit dem Antragsteller aufsuchen, um eine Orientierungsstörung in der außerhäuslichen Umgebung feststellen zu können, doch die Zeitressourcen sind knapp. Man kann sich vor der Begutachtung per Google die Straßennamen notieren, dann den Antragsteller fragen, wie die Straßen heißen, und dann natürlich, ob der Antragsteller überhaupt allein aus dem Haus geht. Wenn er dies tut, ist zu fragen, ob er allein geht und ob er schon mal nicht mehr nach Hause gefunden hat (ob z. B. die Polizei tätig werden musste, um ihn zu finden).
Der Gutachter kann Informationen aus Fremdanamnesen (Angehörige/Pflegedienst/Arzt etc.) einholen. Und er kann sich den Weg zur Arbeit, dem Kindergarten, der Schule oder Wege zu Markt, Apotheke, Arzt etc. beschreiben lassen. Dies in einer stationären Einrichtung zu tun, gestaltet sich schwierig, da den Bewohnern die Räumlichkeiten oftmals nur begrenzt erklärt oder gezeigt werden. Dieses Kriterium ist daher absolut abhängig davon, wie lange ein Bewohner schon in der Einrichtung verweilt.

 

2.3 Zeitliche Orientierung

Definition: Fähigkeit größtenteils vorhanden

Die Person ist die meiste Zeit über zeitlich orientiert, aber nicht durchgängig. Sie hat z. B. Schwierigkeiten, ohne äußere Orientierungshilfen (Uhr, Dunkelheit etc.) den Tagesabschnitt zu bestimmen.

Anmerkungen

Als Gutachter ist es in einem Hausbesuch nicht überprüfbar, ob die zu begutachtende Person durchgängig zeitlich orientiert ist. Hier müssten plausible Gründe genannt werden, warum sie nicht durchgängig zeitlich orientiert ist. Außerdem helfen hier noch ärztliche Befunde. Der Gutachter kann Informationen aus Fremdanamnesen (Angehörige/Pflegedienst/Arzt etc.) einholen oder im MMST Jahreszeit, Datum, Höhepunkte etc. und biographische Daten abfragen.Viele Menschen haben oftmals keine Medien in unmittelbarer Nähe, um sich regelmäßig zeitlich orientieren zu können. Stehen einer Person schon seit Längerem hierzu keine Hilfsmittel wie Uhr, Kalender (gut lesbar), Tageszeitung etc. zur Verfügung, dann hat jeder, unabhängig von den Diagnosen, eine zeitliche Orientierungsstörung. Hierbei zu differenzieren, ist für den Gutachter äußert schwierig.

 

2.4 Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen

Definition: Fähigkeit größtenteils vorhanden

Die Person hat Schwierigkeiten, sich an manche kurz zurückliegende Ereignisse zu erinnern oder muss hierzu länger nachdenken, sie hat aber keine nennenswerten Probleme, sich an Ereignisse aus der eigenen Lebensgeschichte zu erinnern 

Anmerkungen

Als Gutachter ist es aufgrund von fehlenden Biografien nicht evaluierbar, ob das Langzeitgedächtnis ausgeprägt eingeschränkt ist. Das Kurzzeitgedächtnis kann mit dem Demtect-Test oder einem ähnlichen Test überprüft werden. Bei der Überprüfung des Langzeitgedächtnisses können bei der Abfrage des Lebenslaufs (Biografie) Störungen erkannt werden. Auch die Beschreibung der pflegebegründenden Vorgeschichte, Versorgungssituation oder des Tagesablaufs und die Frage nach den Highlights der Woche, Informationen aus dem Berufsleben etc. geben Auskunft über das Langzeitgedächtnis.

 

2.5 Steuern von mehrschrittigen Alltagshandlungen

Definition: Fähigkeit größtenteils vorhanden

Die Person verliert manchmal den Faden und vergisst, welcher Handlungsschritt der nächste ist. Erhält sie dabei eine Erinnerungshilfe, kann sie die Handlung aber selbstständig fortsetzen.

Anmerkungen

Bei Menschen die keine mehrschrittigen Handlungen mehr durchführen können, ist es sinnvoll, sich Alltagshandlungen wie Kaffeekochen, An- und Auskleiden beschreiben und, wo dies möglich ist, auch demonstrieren zu lassen. Das ist schwierig bei Menschen mit Aphasien und Immobilität.

2.6. Treffen von Entscheidungen

Definition: Fähigkeit größtenteils vorhanden

Im Rahmen der Alltagsroutinen oder in zuvor besprochenen Situationen können Entscheidungen getroffen werden, die Person hat aber Schwierigkeiten in unbekannten Situationen.

Anmerkungen

Da unbekannte Situationen nicht beschrieben sind, muss es nicht unbedingt ein Mangel an Fähigkeiten sein, sich nicht entscheiden zu können. Es kann sogar folgerichtig sein, sich nicht entscheiden zu wollen.

 

2.7 Verstehen von Sachverhalten und Informationen1

Definition: Fähigkeit größtenteils vorhanden

Die Person kann einfache Sachverhalte und Informationen nachvollziehen, hat bei komplizierteren jedoch Schwierigkeiten.

Anmerkungen

Hier ist nicht definiert, was unter differenzierten Sachverhalten und Informationen im Alltag zu verstehen ist. Die Bewertung ist grundsätzlich von der Persönlichkeit des zu begutachtenden Menschen abhängig sowie den Gegebenheiten und dem Umfeld, in denen die Person lebt. Die Gutachter können ihr Gegenüber fragen, was es in der Tageszeitung liest oder, wenn es Nachrichten im Fernsehen sieht, was dort gesagt wurde. Bei diesem Item muss der Gutachter ganz individuell vorgehen, je nachdem, was ihm zuvor mitgeteilt wurde, kann er näher darauf eingehen. Auch auf die Widerspruchsgründe ist zu achten, damit er dann die entsprechenden Fragen stellen kann. Wenn eine Person nicht an Politik und Fernsehen interessiert ist, ist es schwierig, eine Einschätzung vorzunehmen.

2.8 Erkennen von Risiken und Gefahren

Definition: Fähigkeit größtenteils vorhanden

Die Person erkennt meist nur solche Risiken und Gefahren, die sich in der vertrauten innerhäuslichen Wohnumgebung wiederfinden. Es bestehen aber beispielweise Schwierigkeiten, Risiken im Straßenverkehr angemessen einzuschätzen oder Gefährdung in ungewohnter Umgebung zu erkennen.

Anmerkungen

Der Gutachter müsste auch hier zusammen mit dem Antragsteller in den außerhäuslichen Bereich gehen, um seine Ressourcen dort einschätzen zu können. Wenn der Antragsteller allein aus dem Haus geht, kann der Gutachter Verkehrsregeln abfragen. Außerdem kann er Informationen aus Fremdanamnesen (Angehörige/Pflegedienst/Arzt etc.) einholen. Sinnvoll sind Fragen nach Haushaltsgeräten: Wie werden sie genutzt und worauf müssen die Antragsteller bei ihrem Gebrauch achten? Wer bereitet das Essen zu? Wenn die Betroffenen dies zumindest noch zeitweise selbst machen, sollte der Gutachter detailliert nachfragen, welche Gefahren zu beachten sind.

 

2.9 und 2.10 können objektiv erfasst werden und werden deshalb nicht kommentiert.

2.11 Beteiligung an einem Gespräch

Definition: Fähigkeit größtenteils vorhanden

Die Person kommt im Gespräch mit einer Person gut zurecht, in Gruppen ist sie jedoch meist überfordert und verliert den Faden. Wortfindungsstörungen treten ggf. regelmäßig auf. Die Person ist häufig auf besonders deutliche Ansprache und Wiederholung von Worten und Sätzen angewiesen.

Anmerkungen

Der Gutachter hat grundsätzlich Probleme festzustellen, ob eine Person gesprächsbereit ist oder nicht. Noch schwieriger wird es, wenn die Person in einem Single-Haushalt lebt. Zu beurteilen wäre, wie sich der Pflegebedürftige in der Anamnese verhält, auf Fragen etc. reagiert. Wie verhält er sich im Gespräch? Wie ist der Gesprächs-/Begutachtungsablauf, was fällt auf? Auch fremdanamnestische Daten sind zu würdigen (z. B. von Angehörigen, vom Pflegedienst, dem Arzt etc.). Es gibt aber auch Menschen, die nicht gerne sprechen; dies gilt es, bei der Anamnese zu erfragen. Dabei spielt auch das Verhältnis z. B. zu den Familienangehörigen eine Rolle.

 

Ihr Densip-Team

11.11.2018

 

1 Albert Brühl (Hg.):

Pflegebedürftigkeit messen?

Herausforderungen bei der Entwicklung pflegerischer Messinstrumente am Beispiel des Neuen Begutachtungs -Assessments (NBA)