Deutsches Netzwerk für Sachverständige in der Pflege

Zur Unabhängigkeit des Sachverständigen

 

von Kerstin Weber

Der Stellenwert der ambulanten und stationären pflegerischen Versorgung hat sich in den letzten 30 Jahren grundlegend verändert. Das bis zur Mitte des 20. Jahrhundert vorherrschende Berufsbild der Krankenpflege vom bürgerlichen Frauenberuf mit konsequent gehorsamer Unterordnung an die Erfordernisse der Medizin entspricht durch die Akademisierung und Professionalisierung der Pflege nicht mehr dem Qualitätsanspruch der heutigen pflegerischen Versorgung.

Nicht nur der allseits bekannte und unermüdlich diskutierte demographische Wandel mit Zunahme einer chronisch multimorbiden Klientel, sondern auch die Auflösung familiärer Strukturen, die Fortschritte der medizinischen und technischen Behandlungsmöglichkeiten, die gewinnorientierte Ausrichtung der Krankenhausversorgung durch Bettenreduzierung, Verkürzung der Verweildauer und Einsparung der Pflegekräfte bedingen eine nachhaltige Veränderung der Anforderungen an die pflegerische Versorgung der Betroffenen.

Die Akademisierung der Pflege seit Anfang der 1990er Jahre in Deutschland ermöglicht eine anerkannte wissenschaftliche Erforschung originärer Pflegeprobleme und Phänomene im Kontext wachsender pflegerischer Aufgabenbereiche. Die Erkenntnisse sind durch Verknüpfung des Wissenstandes anderer Professionen Grundlage für die Entwicklung von Expertenstandards und Leitlinien zu Gewährung einer dem Bedarf angepassten und qualitativ hochwertigen Versorgung.

Unter dem Anspruch und den gesetzlichen Vorgaben zur Qualitätssicherung in der Pflege müssen pflegerische Interventionen systematisch und transparent, den aktuellen pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend geplant, durchgeführt und anschließend, entsprechend eines immer währenden Kreislaufes, evaluiert werden. Pflegekräfte müssen ihr Handeln nicht nur vor sich selbst und dem Betroffenen, sondern auch vor dem Gesetz verantworten.

Aufgrund der wachsenden Komplexität und Professionalisierung in der Pflege und den daraus resultierenden Novellierungen des Pflegerechts bedarf die Erhebung des pflegerisch notwendigen Versorgungsaufwandes im Kontext der individuellen körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Ressourcen sowie die Beurteilung pflegerischer Handlungen durch Pflegekräfte in Bezug auf notwendige und/oder fehlerhafte Verfahrensweisen bei Rechtsstreitigkeiten zwangsläufig die Beteiligung von Experten mit besonderer Sachkunde für den Bereich Pflege.

Mit Einführung der Pflegeversicherung 1995 wurde die Versorgung pflegebedürftiger Menschen als gesellschaftliche Aufgabe anerkannt und etabliert. Der in § 14 SGB XI definierte Begriff der Pflegebedürftigkeit steht zwar von Anfang an in der Kritik einer eindimensionalen, defizitorientierten Ausrichtung, ermöglicht aber dennoch einen standardisierten Weg zur Ermittlung von Pflegebedürftigkeit und dient dementsprechend als Rechtsgrundlage zur Einklagbarkeit von Leistungen der Pflegeversicherung.

Doch nicht nur im Bereich der klassischen Pflegesituationen gemäß SGB V und SGB XI sind Pflegesachverständige gefordert. Ein weiteres, exemplarisch zu benennendes Aufgabenfeld entwickelt sich aus schwerwiegenden Personenschäden nach Unfallereignissen. Auch hier führt die hohe Qualität der medizinisch/pflegerischen Versorgung und die Optimierung des Rehabilitationsmanagements dazu, dass Unfallopfer selbst mit schwersten Verletzungen überleben. Oftmals verbleiben jedoch Langzeitschäden, die dazu führen, dass Geschädigte lebenslang auf umfangreiche pflegerische Hilfestellungen angewiesen sind. Die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung und Ausstattung notwendiger Hilfsmittel langzeitgeschädigter Unfallopfer stellt in der Schadensregulierung einen beträchtlichen Kostenfaktor dar und entwickelt sich zunehmend vor Gericht zum Gegenstand eines Rechtsstreits.

Aufgaben des Sachverständigen im Bereich des Gesundheitswesens

Der Sachverständige soll aus der Perspektive des Experten, durch Darlegung des Sachverhaltes und Darstellung der erhobenen, pflegerischen Befunde nach Inaugenscheinnahme des Betroffenen und Anwendung standardisierter Assessments, Entscheidungshilfen zur Rechtssprechung bieten. Die Qualität des Sachverständigengutachtens hat dementsprechend einen bedeutenden Einfluss auf das Gerichtsurteil, obwohl es ausschließlich den Entscheidungsprozess unterstützt. Die Entscheidung obliegt allein dem Gericht.

Ein fehlerhaftes Sachverständigengutachten stellt durch die Änderung der Haftungsgrundlage in § 839 a BGB im August 2002 auch für den Sachverständigen selbst ein besonderes Haftungsrisiko dar. Verfasst der ernannte Sachverständige vorsätzlich oder grob fahrlässig ein unrichtiges Gutachten und bedingt somit eine Fehlentscheidung des Gerichts, ist er zum Ersatz des Schadens verpflichtet.

Gütekriterien des Sachverständigen

Ein Sachverständiger muss unabhängig und integer sein, sich durch besondere Sachkunde mit exzellentem Fachwissen in dem betreffenden Gebiet auszeichnen und die Fähigkeit besitzen, unter Beachtung der Fragestellung und Berücksichtigung seiner Fachkenntnisse, den jeweiligen Sachverhalt zu erfassen, darzustellen und objektiv zu beurteilen. Die fachliche Kompetenz ist durch den Nachweis geeigneter Hochschulstudiengänge, Weiterbildungen und eine langjährige Berufserfahrung in der Regel gut nachvollziehbar.

Demgegenüber bedarf der Begriff der Unabhängigkeit und Integrität einer besonderen Betrachtung.

Unabhängigkeit umschreibt nicht nur eine finanzielle und organisatorische Freiheit, sondern auch die Unparteilichkeit gegenüber dem zu begutachtenden Menschen und dessen Umfeld.

Persönliche Integrität zeichnet sich durch eine kontinuierliche Übereinstimmung des individuellen Wertesystems und eigenen Handelns aus.

Pflegesachverständige stehen in einem Spannungsfeld zwischen Gesetz und Rechtnorm, dem zu begutachtenden Menschen, den in die Versorgung eingebundenen Protagonisten (pflegende Angehörige, Senioreneinrichtungen ect.) sowie der Solidargemeinschaft der Beitragszahler. Durch die meist jahrelange Berufserfahrung in der Versorgung pflegebedürftiger Menschen sind ihnen neben einem außergewöhnlichen medizinischen und pflegerischen Fachwissen auch die Sorgen, Ängste und handfesten Alltagsprobleme der Betroffenen und ihrer Angehörigen vertraut.

Das Wissen und die Vorerfahrungen umschreiben eine wichtige Kompetenz des Sachverständigen, prägen jedoch auch seine Integrität, da das pflegerisch Notwendige durch die definierte Begrenztheit der zu beurteilenden Verrichtungen aus pflegefachlicher und pflegewissenschaftlicher Sicht nicht immer mit der Gesetzesgrundlage und den derzeit gültigen Rechtsnormen in Einklang zu bringen ist.

Dieses Dilemma begrenzt die Unabhängigkeit des Sachverständigen und birgt durch subjektive Bewertungen ein erhebliches Fehlerpotenzial im Rahmen der Begutachtung von Pflegebedürftigkeit, wenn sich der Sachverständige nicht schon vor Gutachtenerstellung seiner Vorahnungen und Vorerfahrungen bewusst wird, diese gesondert darstellt oder bewusst zurückstellt. Dem Gedankengang folgend können Sachverständige dem Sachgebiet gegenüber keine Unabhängigkeit erreichen, sondern müssen sich mit diesem Wissen dem Sachverhalt übergeordnet, im Sinn der Neutralität widmen. Dieses Vorgehen stellt neben den bekannten Gütekriterien im Sachverständigenwesen eine wesentliche Kernkompetenz dar.

Der Anspruch eines neutralen Sachverständigen muss darin bestehen, den Arbeitsauftrag mit größt möglicher Sorgfalt und Neutralität gegenüber allen Beteiligten zu erfüllen. Dabei ist es sinnvoll, in der Erhebungsphase nach Möglichkeit auf Assessments zurückzugreifen, die allgemein anerkannt, valide und reliabel sind. Durch Unterfütterung der Beurteilung mit nachvollziehbaren und ggf. nachmessbaren Ergebnissen wird die Neutralität des Sachverständigengutachtens überprüfbar. Die pflegefachliche Kompetenz bleibt hierbei unangetastet.

Dem Sachverständigen obliegt die Aufgabe, anhand der Beweisfragen den realen pflegerischen Versorgungsaufwand, Hilfsmittelbedarf ect. umfangreich und vollständig festzustellen.

Literatur:

Zur Akademisierung in der Pflege:

  • Löser: Pflege studieren, Mabuse-Verlag, 1995
  •  Panke-Kochinke: Die Geschichte der Krankenpflege, Mabuse-Verlag 2003
  •  Schaeffer: Pflegewissenschaft in Deutschland. Zum Entwicklungsstand einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, Veröffentlichungsreihe des Institutes für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld, 1998

Zur Qualitätssicherung

  • Görres, Blom, Schmitt: Qualitätssicherung aus pflegewissenschaftlicher Perspektive, Schriftenreihe des Deutschen Sozialrechtsverbandes, S. 117-132, Erich Schmidt Verlag 2012
  •  Igl: Kriterien und Strukturen der Qualitätssicherung in der Kranken- und Pflegeversicherung: Gesetzliche Vorgaben und Ausgestaltung, Schriftenreihe des Deutschen Sozialrechtsverbandes, S. 81-115, Erich Schmidt Verlag 2012
  •  Kücking, Schnabel: Qualitätssicherung aus der Sicht der gesetzlichen Pflegekassen, Schriftenreihe des Deutschen Sozialrechtsverbandes, S. 137-154, Erich Schmidt Verlag 2012
  •  SGB V, §§ 2, 70, 135 ff
  •  SGB XI, §§ 11, 79, 112 ff

Zum Aufgabenbereich/den Gütekriterien des Sachverständigen

  • Bayerlein: „Todsünden“ des Sachverständigen, Institut für Sachverständigenwesen e.V., Schriftenreihe Band 7, 2011
  •  Code of practice within EuroExpert, im Internet unter cms.euroexpert.org/cms/front_content.php?idcat=47
  •  Kaiser: Die Kompetenz zur medizinischen Begutachtung in rechtlich-methodischer Hinsicht, MedSach 1/2012, S. 19-24
  •  Juraforum: Sachverständige, im Internet unter www.juraforum.de/lexikon/sachverstaendige

 

 

 

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