Deutsches Netzwerk für Sachverständige in der Pflege

BTHG und ICF Einsatz

Das Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen (Bundesteilhabegesetz – BTHG) vom 23. Dezember 2016 soll ab dem 1.1.2018 Inkrafttreten. Ein wesentlicher Bestandteil ist, dass die Bedarfsermittlung für die Träger der Eingliederungshilfe und Hilfe zur Pflege gemäß Paragraph 118 SGB IX nach der ICF Philosophie erfolgen soll.

Das Gesetz sagt aus:
§ 118 Instrumente der Bedarfsermittlung

(1) Der Träger der Eingliederungshilfe hat die Leistungen nach den Kapiteln 3 bis 6 unter Berücksichtigung der Wünsche des Leistungsberechtigten festzustellen. Die Ermittlung des individuellen Bedarfes des Leistungsberechtigten muss durch ein Instrument erfolgen, das sich an der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit orientiert. Das Instrument hat die Beschreibung einer nicht nur vorübergehenden Beeinträchtigung der Aktivität und Teilhabe in den folgenden Lebensbereichen vorzusehen:

  1. Lernen und Wissensanwendung,
  2. Allgemeine Aufgaben und Anforderungen,
  3. Kommunikation,
  4. Mobilität,
  5. Selbstversorgung,
  6. häusliches Leben,
  7. interpersonelle Interaktionen und Beziehungen,
  8. bedeutende Lebensbereiche und
  9. Gemeinschafts-, soziales und staatsbürgerliches Leben.

(2) Die Landesregierungen werden ermächtigt, durch
Rechtsverordnung das Nähere über das Instrument zur Bedarfsermittlung zu bestimmen.

Mit der Einführung des ICF soll es zu einem Paradigmenwechsel kommen. Die internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit betrachtet eine Beeinträchtigung der funktionellen Gesundheit, hauptsächlich als ein gesellschaftlich verursachtes Problem und im Wesentlichen als eine Frage der vollen Integration Betroffener in der Gesellschaft.

Die Zielsetzung durch diesen Paradigmenwechsel bedeutet:

  • Entstigmatisierung
  • Ressourcenorientierung
  • Kontext Faktoren
  • Partizipation.

Die praktische Bedeutung der ICF wird insbesondere deutlich, wenn Personen mit gleicher Diagnose (ICD), aber unterschiedlichen Funktionsfähigkeit versorgt werden müssen.

Trotz der hohen Akzeptanz der ICF hat sie sich in der praktischen Anwendung jedoch bisher nicht als Standard etablieren können. Einer der Gründe dafür scheint in der inhaltlichen Detailliertheit der ICF und der damit verbunden den hohen Ansprüche an die Anwender zu legen. Damit die ICF im Gesundheitssektor und auch durch verschiedene Gesundheitsberufe sinnvoll angewendet werden kann, ist es notwendig, Assessmentsverfahren oder Strategien zu entwickeln.

Was bedeutet diese gesetzliche Vorgabe für die einzelnen Leistungserbringer?
Mit der Einführung des BTHG, sind alle Leistungserbringer überfordert, diese individuellen Assessmentsverfahren zu entwickeln. Es wurde ein Gesetz verabschiedet, ohne den jeweiligen Akteure eine klare Leitlinie mit an die Hand zu geben.
Das bedeutet, dass jedes Bundesland versucht in unterschiedlichen Arbeitsgruppen, mit unterschiedlicher fachlicher Besetzung, die Philosophie des ICF erst einmal zu verstehen. Der anschließende Schritt ist dann ein individuelles Assessmentsverfahren zu entwickeln.
Hierbei ist es erforderlich die unterschiedlichen Berufsgruppen und Ideologien erst einmal an einen Tisch zu bekommen, um die Umgangsweise mit dem ICF gemeinschaftlich zu evaluieren.

Wenn also der individuelle Mensch eine Begehrlichkeit entwickelt, wo das  Eingliederungsverfahren erforderlich wird, dann soll eine ICF Erfassung erfolgen.

Es stellt sich die Frage, was fange ich mit den erfassten Parametern des ICF an? Wieviel Hilfebedarf in Minuten oder Stunden ergeben sich denn aus dem Instrument?
Zu diesen wesentlichen Fragen, die den täglichen Alltag der jeweiligen Kostenträger bestimmt, gibt es in keinem Bundesland bisher eine Richtlinie oder Leitfaden,wie der jeweilige Kostenträger das handhaben soll. Es bleibt abzuwarten, wie die jeweiligen Bundesländer agieren, in der Form der Mitarbeiterschulung, der Erarbeitung eines einheitlichen Assessments Bogen und einer Leitlinie für den jeweiligen Hilfebedarf in Zeit. Der aktuelle Anschein ist, dass dieses Gesetz in dieser Form mit der gewünschten Erfassung des Hilfebedarfs zeitnah nicht umgesetzt werden wird.

Quelle: DIMDI ICF 2005, BTHG SGB IX vom 23.12.2016

Ch. Schmidt-Statzkowski

Pflegesachverständige

Berlin 1.12.2017